Wie aus einem Albtraum ein Wunder wurde

ein Bauarbeiter nimmt sich Münzen aus der Schale, die ihm Kaiserin Kunigunde darreicht. Detail aus dem Bild "Pfennigwunder" von Ulrike Polifke

“Pfennigwunder” (Detail), Öl auf Leinwand, 70×100cm, Dezember 2025 (verfügbar)

Das Bild zum Pfennigwunder hat mich seit Monaten immer wieder verfolgt. Zwar habe ich die Szene klar vor Augen gesehen aber lange nicht gewusst, was ich damit anfangen soll. Ehrlich gesagt fand ich diese vage Legende nicht unbedingt super inspirierend. Das hat sich nach einem heftigen Traum schlagartig geändert: Kunigunde auf der Baustelle zwischen den Bauarbeitern und ich wachte mit rasendem Herzen auf: Die ist völlig schutzlos zwischen den ganzen Kerlen vom Bau! Steinmetze, Zimmerleute, aufgebracht wegen Unstimmigkeiten bei der Bezahlung. Und dann kommt die Kaiserin höchstpersönlich zu Fuß, ohne Leibwachen, mit einer Schale voller offener Münzen mitten hinein in diese Versammlung, zwischen schwere Steine und Werkzeuge.

Darin liegt der Kern, jubelte ich innerlich. Und der Traum drängelte: Nimm endlich eine Leinwand und mach! Man kann die Geschichte als fromme Legende erzählen oder als wundersame Geldvermehrung, hatte ich bisher gedacht und nicht gewusst, was mich das angeht. Es geht aber um die Fähigkeit einander zu begegnen und Maß zu halten!

So unspektakulär wie das klingen mag, ist es gar nicht. Unsere üblichen Formen der Bezahlung sind so gestrickt, dass man ein Ergebnis sieht, selten jedoch den Weg dorthin. In der Baustellenszene ist der Weg anwesend, weil Menschen einander gegenüberstehen. Aus dieser Begegnung ergibt sich der angemessene Lohn. Mein Bild kommt ohne glühende Pfennige aus, möglicherweise schießt aber dem einen oder anderen die Schamesröte brennend ist Gesicht, wenn er sich unter den Augen Kunigundes zu viel aus der Schale nehmen will. Der Grat zwischen falscher Bescheidenheit und Gier ist schmal.

Beim Malen hat sich diese Spannung immer weiter verdichtet. Die Figur der Kunigunde gewinnt ihre Autorität durch Präsenz auf Augenhöhe. Sie steht in einer Situation, die Vertrauen voraussetzt. Dadurch entsteht eine Ordnung, die keiner weiteren Kontrolle bedarf.

Mein eigener Alltag ist voller Arbeiten, die sich nur ungern in glatte Beträge verwandeln. Malerei, Musikunterricht, Arbeit als Referentin: Alles, was mit Menschen zu tun hat. Aufmerksamkeit und Energie sind nicht bezifferbar und wollen doch in Zahlen übersetzt werden, die so tun, als wären sie mit anderen Zahlen vergleichbar. Die Legende schlägt eine andere Möglichkeit vor. Sie zeigt, was geschieht, wenn jemand die Arbeit eines anderen wirklich wahrnimmt und sich nicht anmaßt, sie zu beziffern. Der angemessene Anteil entsteht dann aus der wertschätzenden Begegnung auf Augenhöhe. Daraus entsteht das Wunder: Es gibt keinen Grund mehr, mehr zu nehmen.

Das Bild ist noch bis Juni in der Galerie Spielraum zu sehen.

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Familienbetrieb. Geständnisse einer Serientäterin.