Der Schatz der Königin von Saba

Das Bild war nicht geplant und hat sich wie so viele fast selbst gemalt, wenn man das so sagen kann. Deshalb habe ich seinen Entstehungsprozess mal so gut es ging halbwegs live mit buchstabiert:

Es beginnt mit meinem handschriftlichen Tagebucheintrag vom 9.9.2026

Aufräumen und die kommenden Ausstellungen vorstrukturieren. Das würde schlauerweise beim Schreibtisch anfangen. Dingen einen Platz zuweisen und sie nach Gebrauch dahin zurück tun. Nur, was heißt nach Gebrauch? Und wohin gehört was? Ein Schnipsel Aquarellpapier kann doch unmöglich ins Altpapier. Und wenn er bemalt ist, erst recht nicht! Wohin mit inspirierenden Materialien? Entscheidungen treffen ist Stress und aufgeschobene Entscheidungen nicht treffen erst recht. Ein paar Dinge verstaut, ein paar Papierstreifen zu Lesezeichen verarbeitet. Dabei über kluge Köpfe nachgedacht und mich ausgeschossen gefühlt, weil ich vor lauter Gerümpel nicht dazu komme klug zu sein. (…) Also male ich ein paar naive Blümchen und Tucholsky brüllt mich dabei an:

„FLUCHT! Flucht! Flucht!“, bei der Suche nach dem Band mit seinen Gedichten, stürzt sich mir François Villon aus dem Regal entgegen und versucht mich mit altfranzösischem Galgenhumor zu kitzeln. Ein andermal sage ich und greife den Tucholsky aus seinem gesammelte Werke Schober. Nur gut, dass ich gerade so viele neue Lesezeichen gemacht habe. Also zurück zur Wirklichkeitsflucht, die Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Zuckerbrot und Peitsche“ anprangert. Muss Kunst eine Faust haben oder darf sie heilen ohne Kitsch genannt werden zu müssen? Und ist da womöglich eine Geschlechterzuweisung im Spiel? Heilen, trösten sorgen gehört zum weiblich konotierten Bereich, oder? Herr Tucholsky, wir müssen reden. Und was hat Deine Faust schon vermocht? Hat ein kunstvoller Fausthieb je was verhindert an Unmenschentum? Ich muss echt aufpassen, dass ich mich hier nicht in eine Malblockade hineinschreibe! (…) Fortsetzung später am Tage: Hab tatsächlich am Bamberger Reiter die letzten Handgriffe zwischen Entsetzen und Entzücken verrichtet. Boah, was für ein Ritt! Und keine Erleichterung in Sicht, weil die ganze Zeit eine riesige Lust für ein neues Projekt angeschwollen ist.

Also ab hier werde ich nun die Entstehung eines neuen Querformats dokumentieren. Das fühlt sich sehr aufgeräumt an! Beginn heute, 9.9.2026 kurz nach 17Uhr, jetzt ist es 17.30Uhr. Einmal möchte ich es hinterher nachlesen können, wie so ein Geburtsvorgang aussieht. Also am Anfang war die Lust auf ein Bild, auf eine Siena- Untermalung eigentlich nur. Tausend Motive, die längst gemalt werden wollen drängeln im Kreativzentrum herum. Die Dame am Tresen dort hat aber leider den Überblick verloren und die Motivideen haben keine Nummern gezogen. Also ignoriere ich sie erstmal alle. Schon allein weil ich dann nicht planen muss oder gar eine Vorskizze oder so einen Aufwand betreiben. Ich will dem Impuls nachgehen, ich muss. Während also die Quellnymphe den alten Nörgler und die Marketingchefin in Schach hält (das sind alles innere Instanzen, denen ich Namen gegeben habe um sie besser auseinanderhalten zu können), versuche ich so unvoreingenommen wie möglich eine frische Leinwand aus dem Kuhstall zu holen. Ein Glück, es sind noch drei 70x100 Leinwände da. Perfekt, eine davon lege ich quer auf die Staffelei, drücke zu Siena noch Ultramarin direkt auf die Handpalette, gieße als Malmittel etwas Dammarlavendel-Retouchierfirnis in ein dreckiges (also voller Birkensamen klebendes) Malglas, tauche den Bob Ross Landschaftspinsel (zum Glück ist er gut gewaschen) in die duftende Flüssigkeit und stupse dann in die Siena Wurst. Horizontale Schwünge quer über die ganze Leinwand, bisschen Staccato und dann wieder hin und her ergeben einen leuchtenden Horizont. Und dann ein Himmel! Gewaschen aus Ultramarin Ultra flüssig alles läuft und trieft und schmiert….hui, natürlich wird es jetzt landschaftlich und ich will mehr Licht. Also indisch Gelb auf die Palette, die Kadmiumtöne sind mir heute alle zu wuchtig. OH und was für eine gute Entscheidung! Siena, ultramarin und indisch gelb  ergeben sehr leuchtende Abstufungen und freundliche Dunkelheiten. Eine Wüstenlandschaft? Dabei wollte ich doch etwas mit Wasser malen und Glitzer! „ HALT!“ Ruft freundlich aber bestimmt eine Frauenstimme aus der Motivwartehalle im Kreativzentrum, „das ist eindeutig mein Hintergrund!“ Aha, wer bist Du denn?, höre ich die Quellnymphe fragen „ Ich bin die Königin von Saba!“ „Oh Majestät, verzeihen Sie bitte!“, Die Empfangsdame am Tresen wird ganz rot „Natürlich, Sie sind an der Reihe! Jetzt wo ich sie sehe, fällt es mir wieder ein!“

Die Untermalung ist inzwischen fertig und ich lasse in meinem Inneren die Königin von Saba und Kurt Tucholsky aufeinander los und muss feststellen: Sehr viel mehr als Klischees und Pinterest-Zitate stehen mir erstmal nicht zur Verfügung.Ja natürlich, die Schnitzfigur aus dem Bamberger Dom! Die ist ja der Grund, warum die Königin im Wartesaal saß! Ah der Dom, genau! Schwuppdiwupp, der Bob Ross Landschaftspinsel weiß sofort, was zu tun ist und zieht ein paar happy Little gotische Spitzbögen über die gesamte Untermalung. Sieht sehr cool aus. Und muss jetzt trocknen. Das verschafft mir die Zeit, die Nacht mit Tucholsky, der Königin und noch ein paar anderen zu verbringen. Womöglich mache ich auch noch Skizzen.

10.09. 2026

Also tatsächlich! Im Skizzenbuch räkelt sich die Königin von Saba nun alles andere als hölzern sowohl von vorne als auch von hinten und gibt mir dabei derartige Kleine Meerjungfrau-Vibes, dass ich nochmal bei Hans Christian Andersen nachlesen muss. Nein ich muss gar nichts! Ich lasse es einfach fließen. Keiner muss wissen, dass ich eigentlich die Königin von Saba malen wollte. Außerdem gibt es da so viele Legendenstränge, da macht ein Fischunterkörper mehr oder weniger auch nichts mehr aus. Es hat noch nie zu was geführt, wenn ich mit zu viel verkaufter Recherche an so ein sagenhaftes Bild rangegangen bin. Meine Skizzen gefallen mir und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Königin von vorne oder von hinten malen möchte. Cool wäre natürlich eine Art Spiegelkabinett - und schon sträubt sich was in mir: Der ewige Nörgler meint: „ Das ist viel zu kompliziert für Dich!“ Die Quellnymphe flötet „ Trau Dich! Probier’’s halt aus, erst auf Packpapier mit Kohle und ganz einfach skizzieren - das könnte echt genial werden!“ Der Kobold (noch so eine Instanz, Ihr ahnt es) hüpft auf und ab: Ich will malen! Jetzt gleich! Mit bunt und draußen!“ Und in der Motivwartehalle ist der Teufel los: Diverse Tautropfen und Fantasiewesen (die meisten anatomisch entsetzlich unschlüssig), schräge Hausfassaden und knallbunte Wiesen drängeln am Tresen. Die Empfangsdame faltet um Ruhe flehend die Hände, kommt aber gegen das Protestgegröle nicht an. „ Was soll das“ rufen einpaar nicht näher bekannte steinerne Figuren „Wenn die jetzt anfängt alles so genau zu planen mit Kohleskizzen und so, kommen wir ja nie an die Reihe!“ „ Genau!“, kreischen eine Eule und eine Domkuh )oder ist es ein Esel?) im Chor: „ Wieso muss plötzlich alles Hand und Fuß haben, was sie malt?“ Da mischt sich König Salomo ein. „ Ruhe bitte! Etwas mehr Respekt vor der künstlerischen Freiheit! Wenn Ihr sie so unter Druck setzt, kommt bald niemand mehr an die Reihe, weil sie dann eine Malblockde XL bekommt. Also hört auf zu drängeln. Kann gut sein, dass es der eine oder die andere sowieso jetzt schon aufs Bild schafft. Tautropfen, Pusteblumen, Gotikelemente - Ihr braucht gar nicht so wehleidig zu tun, Ihr kommt bestimmt zum Einsatz!“ „BUH BUH!“, maulen die törichten Jungfrauen von der Oberen Pfarre „ Du hast gut reden, Salomo, die Wahrscheinlichkeit, dass es Dich trifft, ist ja wohl diesmal besonders hoch!“ Die klugen Jungfrauen verdrehen geziert die Äugeln und säuseln:“Aber das ist doch gar nicht wichtig, wer auf’s Bild kommt! Hauptsache wir inspirieren sie tüchtig! Also wir sind für alles bereit und viel hübscher anzuschauen als diese Transusen von gegenüber sind wir allemal!“ Ein Wichtich wedelt bei dem Stichwort tüchtig mit der Zipfelmütze dazwischen und jubelt, also ob ein langersehntes Tor gefallen wäre. Alle anderen genervt: „Boah, der schon wieder!“

Zurück zur echten Planung, lassen wir den Basar im Kreativzentrum mal eben hinter uns. Mir schwebt halbwegs deutlich also ein Spiegelkabinett in gotischen Spitzbögen vor und… Da wiehert ein Pferd, echt jetzt! Also ein echtes Pferd hier in der Nähe irgendwo. Und schon höre ich im Motivsaal jemanden höflich mit den Hufen scharren. Ross und Reiter zwinkern mir zu und ohne viel Aufhebens nimmt die Quellnymphe den Zelter am Zügel und führt ihn an der Warteschlange vorbei. Da verliert eine Domkuh endgültig die nerven „Mir reicht jetzt! Soll sie künftig von mir aus Kamele und Esel malen - ich mag. Nicht mehr!“ Der ewige Nörgler verzieht seinen ;und zu einem seltenen Ereignis und lächelt dem Rinertorso schief zu: „ Wieso? Rindviecher hat sie doch schon genug galt. Ross und Reiter muss sie offensichtlich noch weiter üben“ Jetzt reicht es mir aber auch, das ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für so einen Angriff. Der Nörgler wird gefeuert. Und außerdem hat die Domkuh recht. Die Königin von Saba braucht tatsächlich Kamele für ihre ganzen Reichtümer.

Also ich erlaube mir das jetzt hier abzukürzen - zumal ich gegen Ende der Arbeitsphase dann nur noch sehr elliptische Notizen gemacht habe, die ich nicht mehr alle entziffern kann. Am 25.9. habe ich die letzten Pinselstriche gemacht. Was will uns dieses Bild nun sagen? Sag ich nicht! Nur den Titel: Der Schatz der Königin von Saba. Finden müsst Ihr ihn schon selber.

Das Original ist jetzt in der Galerie Spielraum zu sehen und zu erwerben. Öffnungszeiten Dienstag-Samstag jeweils ab 11Uhr oder nach Terminvereinbarung.

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Es wird Zeit: zurück an alte Ufer